SEX-WEBLOGS

Die schärfsten Erotik-Tagebücher

Sie verführen mit Worten. Sie sind zu subtil, um pornographisch zu sein, und besser als das Gros der Erotikliteratur: Sex-Weblogs. In Tagebüchern schreiben Menschen detailliert und frei über Fetisch oder Fellatio, heimliche Affären und geheime Wünsche.






EINTRAG IN EIN SEX-BLOG

So einfach wie eine E-Mail
Wer sich hinter Belle de Jour, Nympho oder Schmuddel-Blogger verbirgt, weiß keiner. In der sicheren Anonymität des Webs erzählen die Sex-Blogger Dinge, die sie meist nicht einmal ihren besten Freunden oder Partnern erzählen würden.

Sie heißen Belle de Jour, Nympho oder Schmuddel-Blogger. Sex ist ihr Lieblingsthema, und darüber öffentlich zu schreiben ist offenbar ein Teil ihrer erotischen Phantasien. Anstatt die Schilderungen der letzten wilden Nacht oder der geheimen Affäre nur ihrem Tagebuch anzuvertrauen, veröffentlichen sie ihre Erlebnisse im Internet . Hier, zwischen Millionen von anderen Webseiten, verschwinden sie scheinbar, sind aber zugleich für jeden sichtbar.

Wie Belle de Jour aus Berlin, die ohne Scham berichtet, wie sie vor einem schwarzen Drogendealer schon mal – ganz klischeegemäß – auf dem Klo eines Clubs in die Knie ging, um das Pulver gratis zu bekommen. Oder Bendis alias Nymphodiary, die von stundenlangem Sex in der Badewanne erzählt. Oder Schmuddel-Blogger, der zwar glücklich mit seiner N. ist, sie aber regelmäßig mit E. in Hotelzimmern betrügt.

Mittlerweile gibt es Millionen von Blogs, in denen Menschen über Musik, Literatur oder Politik, über Persönliches und Allgemeines philosophieren. Die Besten gewinnen sogar Preise – lediglich die Kategorie „Erotik-Blog“ fehlt bisher. Aus Scheu, eine Plattform für geistige Exhibitionisten und Voyeure zu unterstützen? Es ist nur eine Frage der Zeit, denn die Sex-Blog-Szene wächst und etabliert sich immer mehr.


EROTIK-WEBLOGS

Scharfzüngig und ungeschminkt

Die US-Site Fleshbot.com wird überhäuft mit Lob von Blättern wie „New York Times“ oder „Wired“. Das Webzine, das übrigens zum trendigen New Yorker Profi-Blog Gawker.com gehört, schreibt über das neue scharfe Britney-Spears-Video, den derben Erotikfotografen Terry Richardson oder Pornostar Mary Carey. Wer Links zu den besten Hardcore-Sex-Blogs oder Gratis-Sites sucht, findet sie hier.

Klickt man einen Blog an, findet man meist eine Link-Liste mit weiteren Weblogs. Hat man seine Favoriten gefunden, linken die wiederum zu ähnlich guten Blogs. Die Gefahr, stundenlang in anonymen Tagebüchern über durchgemachte Nächte zu versinken, ist groß. Das findet auch der britische „Guardian“, der die Lektüre von Seiten wie Fleshbot.com nicht für das Büro empfiehlt: „Really.Not.Worksafe.“

Noch gibt es weitaus mehr englischsprachige Sex-Blogs als deutsche. Und es gibt mehr Frauen als Männer, die im Internet öffentlich über Sex reden. Das überrascht nicht weiter. Sind doch die Männer auch in „Sex And The City“-Zeiten noch darüber schockiert, wie gern und detailliert Frauen über ihre erotischen Erfahrungen reden. Viele Blogger nutzen die großen Weblog-Communities Blogger, Blogspot, Indecent Blogging oder deutsche Pendants wie 20-Six und Antville, um ihre Nachtnotizen online zu stellen.

PRIVATE MOMENTS

Intime Phantasien für jedermann

Die Geschichten sind so unterschiedlich wie die Sexgewohnheiten ihrer Schreiber. In ihrem Blog Justonebite.com lässt Dirty Whore seit über einem Jahr die Leser an ihren Erlebnissen und Phantasien teilhaben. Die Worte sind explizit, der Stil eloquent. Viele werden sich in den Schilderungen flüchtiger Sexbekanntschaften, intensiver Affären oder dem Wunsch nach einer festen Partnerschaft wiedererkennen. Dazu die Amerikanerin: „Ich bin eigentlich eine ganz normale Thirty-Something-Single-Frau.“ Auch Studentin Neeraja von Luxuriaerotica.blogspot.com ist nach außen hin ein nettes all american girl. Doch ihre Blogstorys sind Hardcore – aber auf hohem Niveau. Sehr eindeutig sind auch die Geschichten des Peepshow-Girls aus Seattle, des amerikanischen Phone-Girls oder der Prostituierten, die neben ihrem Bürojob als Callgirl arbeitet.

Unter Happyhooking.blogspot.com schreibt die zierliche Frau über Dates mit ihren Kunden. Die wenigsten Blogs zeigen übrigens Bilder – und wenn, nur Ausschnitte oder retuschierte Ansichten.


FRAUENDOMÄNE SEX-BLOGSV

Männer sind schockiert

Wie Männer ticken, zeigt das Blog No-undies.net des kanadischen Pärchens Michelle und Mike. Hier posten die beiden abwechselnd, wo, wie und mit welchen Geräten sie sich gerade wieder die Zeit vertrieben haben. Über das hedonistische New York schreibt Lex Konrad in Nakedloftparties.blogspot.com.

Blackasmysoul.com erzählt über seine Sexsucht, die Besuche beim Psychiater und wie er durch Masturbieren die Welt um sich herum vergessen kann. Sehr viel unbeschwerter geht Philip Clark mit seiner Lust um. Auf Hotaction.ca schreibt er deftig, aber auch lustig über seine zahlreichen Affären.

Die Sex-Blogger sind Profis oder Poeten, Besessene oder Befreite, sie schreiben über ganz normalen Alltagssex oder Hardcore-Fetisch. Das sprachliche Niveau ist hoch, und hinter einigen Weblogs verbergen sich talentierte oder professionelle Schreiber. Aber wer weiß im Web schon, was Wahrheit oder Fiktion ist.

Kürzlich erhitzte ein Skandal die Gemüter der deutschen Blogger-Gemeinde. Das erotische Tagebuch von Anne alias Belle de Jour würde in Wirklichkeit von Blogger Don Dahlmann geschrieben. Verliebte User fühlten sich verraten, Don leugnete und besänftigte mit Erklärungen. Ob Wahrheit oder erfunden – Blogs beflügeln die Phantasie: Und darum geht es doch eigentlich.


SEXY EROTIK-GALERIE

Wörter lassen Bilder entstehen


Auch heute, mit Anfang 30, geht Belle de Jour auf der Suche nach neuen Erfahrungen gern an ihre Grenzen. Gelegenheiten bieten sich immer irgendwo im Berliner Alltag zwischen Büro, Wohnung und Nachtclub. Mit TOMORROW sprach sie über den Reiz, öffentlich Intimes zu offenbaren.


Wie kam Ihnen die Idee, ein Blog zu führen?
Schreiben war schon immer ein Ventil für mich, um nicht abgearbeitete Dinge und Energien loszuwerden. Wenn ich etwas in eine Kladde schreibe, dann konserviere ich es. Setze ich es ins Internet, ist es auf eine bestimmte Art und Weise weg. Es verschwindet innerhalb all der Millionen Seiten, und man kann es vergessen. Und genau das wollte ich: geistigen Ballast abwerfen und mich über das Schreiben neuen Dingen öffnen.


Worin besteht der Reiz, öffentlich über Sex zu schreiben?
In meinem Blog kann ich anonym bleiben und trotzdem andere Leute an meinem Leben teilhaben lassen. Das verstärkt die Lust. Ich habe das, was die Theaterleute eine Rampensaumentalität nennen. Die Anonymität nimmt mir den inneren Zensor weg. So kann ich auch noch die letzten Hautfetzen darbieten, ohne das Gefühl zu haben, völlig nackt zu sein.


Warum gibt es so wenige deutsche Blogs, die sich mit Erotik niveauvoll befassen?
Weil das Thema eben schwer zu beschreiben ist. Erklären Sie mal einem Blinden, wie die Farbe Blau aussieht. Erklären Sie einem anderen Menschen, was Sie beim Orgasmus empfinden. Vielleicht liegt der Grund auch darin, dass viele Angst haben, öffentlich über ihre Sexualität zu reden. ...


... Sie könnten sie entmystifizieren und im Vergleich zu anderen uninteressant sein. Pornoseiten funktionieren doch deshalb so gut, weil es weniger um den Akt geht als darum, Gewinner zu beobachten und hinter ihr Geheimnis zu kommen.


Kennen Freunde Ihr Weblog?
Es gibt einen Menschen, der weiß, dass ich ein Blog habe und der auch selbst eins führt: Don Dahlmann (don.antville.org). Ansonsten weiß es niemand. Ich führe mein Blog strikt anonym, da ich keine Lust habe, von unserer Sekretärin auf meine sexuellen Wünsche angesprochen zu werden.


User reagieren auf Ihre Einträge mit Anmache, Bibelzitaten oder Tipps, den Kick doch lieber in der richtigen Szene zu suchen. Wie wichtig sind Ihnen die Comments?
Unwichtig. Ich habe sie eingeschaltet, aber ich nehme selten an Debatten in den Kommentaren teil. Sie sind für die Leser, und ich amüsiere mich des Öfteren darüber, welchen Verlauf die Diskussionen nehmen. ...


... Außerdem sollen die Trolle auch die Möglichkeit haben, mich dort zu beschimpfen, anstatt mir meinen Mail-Account zuzumüllen.


Was schreiben Sie nicht in Ihr Weblog?
Ich schreibe nichts explizit Pornographisches. Wer so was sucht, ist bei mir falsch. Sicher, ich benutze deutliche Worte, und ich lasse die Leser auch an sexuellen Eskapaden teilhaben, aber es gibt keine detaillierten Beschreibungen. Ansonsten vermeide ich in meinem Blog wie auch in Gesprächen mit Freunden die Themen Verdauung, Krankheit, Politik.


Sie schreiben, dass Sie auf der Suche nach dem Kick gern Ihre Grenzen austesten. Versuchen Sie, alle Phantasien auszuleben?
Ich habe sicherlich nicht alles in meinem Leben ausgelebt und denke auch nicht, dass ich das tun werde. Sei es, weil es zu gefährlich wäre, sei es, weil man immer ein paar Träume im Hinterkopf haben sollte – sonst fühlt man sich schnell leer. ...


... Sozusagen Träume, die man im Notfall abrufen kann, wenn es einem besonders schlecht geht.


Wie sieht für Sie die perfekte Beziehung oder der perfekte Sex aus?
Die perfekte Beziehung oder den perfekten Sex gibt es nicht. In dem Moment, in dem ich das Gefühl habe, dass ich so etwas habe, schaue ich mich schon nach Neuem um. Meine Beziehungen sind deswegen nie wirklich lang gewesen – die längste vielleicht drei Jahre. Ich mag Sachen, die nicht perfekt sind, wo man das Gefühl hat, dass man dran arbeiten muss. ...


... In einer Beziehung muss es immer etwas Geheimnisvolles geben, eine Seite am Partner, die man nicht völlig durchschaut.


Was empfehlen Sie Leuten, die ein erotisches Blog veröffentlichen wollen?
Wenn sie in einem Dorf wohnen, sollten sie Namen und Plätze verändern. ...


... Wenn sie in der Stadt wohnen, ist das egal. Man ist ja nicht der Einzige, der zu Starbucks geht oder schon mal auf der Toilette eines Clubs gevögelt hat.