Routine statt Sex?

Je länger die Beziehung, desto seltener haben Paare Sex. Ein schleichender Prozess, den man nicht aufhalten kann? Doch!

"In den letzten vier Jahren findet Sex bei uns ungefähr so häufig statt wie Weihnachten. Der Unterschied ist nur: Weihnachten dauert wenigstens drei Tage!" Das sagte mir eine Freundin vor einiger Zeit. Und die durchaus ernst gemeinte Frage, ob ein Seitensprung die Lösung sein könnte, beantwortete ich damals mit einem empörten "Bist du wahnsinnig?". Heute wäre meine Antwort differenzierter. Zuerst einmal: Der Fall meiner Freundin ist kein Einzelfall, das besagen schon die Statistiken zur Sexualfrequenz der Deutschen. Und gerade besonders harmonische Langzeitbeziehungen kranken auffällig oft an nachlassender Lust. Für alle Betroffenen vorab die schlechte Nachricht: Es gibt kein Wundermittel dagegen. Nur sehr schlechte Ratgeber versprechen, dieses Problem mit "ein paar ganz einfachen Tricks" zu lösen. Andererseits ist abnehmende Leidenschaft aber auch kein Naturereignis, das wir hinnehmen müssen wie kühle, graue Herbsttage nach einem heißen Sommer. Wir haben ihr etwas entgegenzusetzen! Wenn es nach einigen Jahren im Bett sehr ruhig wird, ist das kein Symptom für eine Beziehungskrise (tun wir nichts dagegen, ist allerdings die Krise vorprogrammiert!). Die New Yorker Therapeutin Esther Perel kommt in ihrem spannenden Buch "Wild Life. Die Rückkehr der Erotik in die Liebe" zu dem Ergebnis: Der häufigste Grund für zurückgehendes Begehren ist ein Übermaß an Intimität.

Klingt absurd, ist es aber nicht. Denn: Leidenschaft braucht Raum und Distanz, Individualität und Geheimnis. All das aber ist dem, was die meisten von uns von einer trauten Beziehung erwarten, diametral entgegengesetzt. Zu glühendem Sex gehören eben auch Gefühle wie Macht und Aggression. Was uns körperlich erregt, ist oftmals etwas,was wir auf der emotionalen Ebene unserer Partnerschaft vehement ablehnen. Weil damit das Stück an Sicherheit verloren gehen kann, das wir uns von einer engen Beziehung wünschen. Wie aber können wir in Einklang bringen, was scheinbar nicht zusammenpasst? Indem wir nicht die Kernschmelze idealisieren. Partnerschaft nicht länger als Symbiose betreiben, sondern als Miteinander zweier Individuen, die sehr viel, aber eben nicht alles teilen. Als Mann und Frau auch Gegenpole bleiben. Und die damit verbundenen Zweifel und Ängste bewusst in Kauf nehmen. Denn natürlich ist das eine Entscheidung, die mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Man muss sie nicht treffen. Aber man sollte zumindest darüber nachdenken.

Kommt man zu dem Schluss, dass die Beziehung zu symbiotisch geworden ist, lässt sich das nämlich durchaus noch im Nachhinein korrigieren - mehr Eigenständigkeit hat schon so manches Paar aus der Krise geführt. Für den Sex hat sie eine ganz entscheidende Bedeutung: Sie verhindert, dass wir den anderen ausschließlich mit dem Beziehungsblick sehen. Ihn nur noch als vertraut und verlässlich wahrnehmen. Als etwas, was wir haben. Entdecken wir dagegen weiterhin (oder aufs Neue) überraschende oder auch geheimnisvolle Seiten, wechselt automatisch unsere Perspektive: Wir sehen ihn als etwas, was wir erkunden wollen. Leidenschaftlich.

Viele Paare erwarten, dass Sex einfach so passiert. Tut er nicht. Planen Sie ihn ein!

Der zweite entscheidende Punkt ist: Wir dürfen nicht darauf warten, dass Sex "einfach so" passiert! Das tut er nämlich nie, selbst in der prickelnden Anfangsphase einer neuen Beziehung nicht. Auch wenn wir uns mit verklärtem Blick daran zu erinnern glauben, wie wir spontan und wild bei jeder Begegnung übereinander hergefallen sind - das war nicht so! Wir haben uns vielmehr den ganzen Tag auf das Treffen mit der/dem Neuen gefreut. Uns gestylt, uns vorbereitet, nichts dem Zufall überlassen. Folgerichtig können wir wohl kaum tollen Sex erwarten,wenn wir es heute darauf ankommen lassen, ob wir vielleicht in der halben Stunde zwischen Harald Schmidt und Einschlafen Lust aufeinander bekommen. Guter Sex braucht Tatvorsatz und -plan! Er muss im gemeinsamen Lebensentwurf einer Beziehung einen angemessenen Platz haben. Dazu den Status eines Wertes - wie den der Vertrautheit und Geborgenheit. Und wenn wir den Eindruck haben, dass er genau den verloren - oder sogar nie besessen hat? Dann ist jedes Mittel angemessen, das uns persönlich vertretbar erscheint! Esther Perel geht sehr weit: Sie hält selbst einen Seitensprung oder eine Affäre für einen akzeptablen Lösungsansatz. Weil das den Partner stimuliert, uns wieder stärker als sexuelles Wesen wahrzunehmen. Als begehrenswert, da wir doch so offensichtlich von anderen begehrt werden. Ich finde den Gedanken nur auf den ersten Blick schockierend. Zumal Untreue durchaus ganz allein im Kopf stattfinden und sich real nur dadurch zeigen kann, dass wir Blicke erwidern und Flirtchancen ergreifen. Das reicht oft, um dem Partner die Augen zu öffnen. Die eingangs gestellte Frage meiner Freundin jedenfalls würde ich heute anders beantworten. Ich würde sagen: "Wenn du das Risiko einschätzen kannst, vielleicht."

Quelle: elle.de/liebepsycho/ratgeber