Reifer Mann und junge Frau?

Reifer Mann und junges Früchtchen - Mittvierziger plus Girlie. Ist das die Formel, die ihn taufrisch hält? Eher ein Konzept mit ganz großen Lücken, meint Martin Moretti.

Neulich traf ich Jörg. Ich hatte ihn länger nicht gesehen und nun beinah nicht wiedererkannt. Jörg ist Rechtsanwalt und sah auch immer so aus,wie man sich einen Rechtsanwalt vorstellt. Doch statt Pferdelederschuhen trug er nun Converse, statt Dreiteiler jetzt Kapuzenjacke und von einem Edeldesigner für viel Geld zerlöcherte Jeans. Besonders verstörte mich aber das Nietenarmband an seinem Handgelenk.

Jörg war in Begleitung eines Mädchens, das betont gelangweilt guckte und das ich erst für seine Tochter hielt. "Das ist Julia", stellte er sie mir vor. Ich schätzte Julia so auf 19. Nein, das konnte doch nicht sein. Er bemerkte wohl meinen ratlosen Blick und erklärte: "Wir sind seit vier Monaten zusammen." - "Ach so, verstehe", sagte ich. Aber ich verstand gar nichts. Ich kenne Jörg aus der Schulzeit, er war in meiner Klasse, was bedeutet, dass er auch um die 40 ist. Und er hatte eine gleichaltrige Frau. Andrea. Kultiviert, geistreich, schön. Ich hielt die beiden für ein Traumpaar.

Gern hätte ich Jörg gefragt, wieso er nicht mehr mit Andrea zusammen ist. Aber in Julias Gegenwart wäre das unpassend gewesen. Also plauderten wir noch ein bisschen unverbindlich,während Julia desinteressiert eine SMS in ihr Handy tippte. Und wir vereinbarten, mal ein Bier trinken zu gehen. Den Rest des Tages dachte ich über diese merkwürdige Begegnung nach. Ein Nietenarmband mit 40. Und eine Freundin, die gerade krabbeln lernte, während wir Abi machten.

... Aber mir wurde mehr und mehr klar: Jörg ist keine Ausnahme. Nein. Allein in meinem Freundeskreis kam ich auf vier Männer, die mit wahren Girlies zusammen sind. Was ist passiert? Hassten wir nicht schon im Mopedalter die älteren Jungs mit Auto, die uns die besten Mädchen unseres Jahrgangs wegschnappten? Solche Kükenjäger wollten wir später auf keinen Fall werden. Wirklich nicht! Lieber guckten wir uns mit 17 im Kino fünfmal "American Gigolo" ("Ein Mann für gewisse Stunden") an. Nicht wegen Richard Gere, sondern wegen Lauren Hutton. Sie war damals Mitte 30, das kam uns ziemlich alt vor. Aber von so einer Frau träumten wir.

Und nun? Sind wir so weit, dass wir endlich die Lauren-Hutton-Frauen haben könnten. Gleichaltrige, wunderbare Frauen mit Lebenserfahrung, Intelligenz, Stil. Frauen, die wirklich etwas zu sagen haben. Die auch mit über 40 attraktiver, lässiger und begehrenswerter sind als je zuvor eine Frauengeneration. Doch statt sich glücklich zu schätzen, tappen viele Männer blindlings in die Lolita-Falle. Verlassen Klassefrauen und hängen sich an blutjunge Mädels, die neben Tattoos auch gern einen Vaterkomplex haben.

Freunde, ich falle euch ungern in den Rücken, aber das ist Verrat an unseren einstigen Idealen! Und es ist bescheuert. Okay, am Anfang mag es ja "endgeil" sein, statt im gediegenen Restaurant im Club "abzuhängen". Aber abgesehen davon, dass häufiges Essen in Fastfoodketten der Figur eines Vierzigers wenig bekommt und er durchwachte Nächte auch nicht mehr einfach wegsteckt, sollte man auch "peilen" , was die gepiercte Lolita meint,wenn sie zum "Dübeln" (Jointbauen und -Rauchen) oder "Dillern" (Pinkeln) verschwindet.

Über die Kommunikationsdifferenzen können wir uns auch nicht hinwegtäuschen, indem wir versuchen, die Interessen unserer jungen Partnerin aufzusaugen. Es gibt nun mal eine Altersgrenze, ab der es lächerlich ist, Klingeltöne herunterzuladen, Totenkopfshirts zu tragen und ausgiebig Kaugummi zu kauen. Und es gibt eine Altersgrenze, ab der es physisch gefährlich ist, Inlineskates oder Snowboard zu fahren, auf Rockkonzerten Stagediving und Headbanging zu machen, Sex auf der Autorückbank zu haben, jeden Tag zu kiffen.

Im Ernst: Es gibt für jedes Alter eine würdige Lebensform. Bewundern wir einen Filmstar wie Cary Grant nicht gerade deshalb noch heute, weil er das eingesehen hatte? Oder auch George Clooney: Er versucht nicht, jünger zu erscheinen, als er ist. Er ist ein prächtig gereifter Mann mit starker Tendenz zu grauen Haaren. Und er bekennt sich dazu. George würde jederzeit zwei 20-jährige Girlies gegen eine Enddreißigerin eintauschen. Oder? Ist vielleicht doch was dran an der Rechtfertigungsfloskel "Mit einer jungen Frau fühle ich mich selbst wieder jung"?

Wer wüsste das besser als Jörg. Seit dem Zufallstreffen mit ihm sind sechs Wochen vergangen. Und ich beschließe, auf sein Angebot zurückzukommen, uns auf einen Drink zu treffen. Wir gehen in meine Lieblingsbar. Die Musik spielt nur so laut, dass man sich tatsächlich unterhalten kann. Jörg trägt einen Verband. Er hat sich das Handgelenk verletzt. Beim "Bladen" mit Julia. Auch wenn er es zu verbergen versucht, er wirkt nicht mehr ganz so euphorisch. Denn da gab es diesen Vorfall im Club. Julia verbot ihm, mit auf die Tanzfläche zu kommen, weil sie sich für seinen "von John Travolta inspirierten Tanzstil" schämte. Und auch von ihren Freunden hält sie ihn konsequent fern.

Überhaupt sehen sie sich immer seltener, weil Julia auf "Events" ist, die Jörg "eh nicht gefallen würden". Wenn sie ihn mal zu sich einlädt, sitzt sie am Powerbook und macht Sponge-Bob-Games, deren tieferen Sinn und Humor er nicht versteht. Und dann gab es diesen Streit, vergangenen Sonntag. Als Jörg sie gegen Mittag anrief und es wagte zu fragen: "Was machen wir heute?" Worauf Julia ausflippte und ihn beschimpfte, dass er immer alles planen wolle, nicht einfach mal relaxed sein könne.

"Ich glaube, sie hat da nebenbei was laufen", sagt Jörg. Er wirkt müde. "Ich gehe mal nach draußen", entschuldigt er sich. "Ich habe versprochen, sie noch mal anzurufen." Ich nutze seine Abwesenheit, um mich in der Bar umzusehen. Ein Stück weiter am Tresen sitzt eine brünette Frau, die in meine Richtung guckt. Ich schätze sie auf Mitte 30. Interessantes Profil, feingliedrig, grüne Augen. Scheint allein hier zu sein. Bevor ich sie ansprechen kann, kommt Jörg zurück. "Ist nicht zu erreichen", murmelt er. Und ich merke, wie die Eifersucht an ihm nagt.

Eines gibt es aber noch, wozu ich ganz sicher seine praxiserprobte Einschätzung wissen möchte: die Sache mit dem Sex. "Ist er denn leidenschaftlicher, wilder, aufregender mit einer 19-Jährigen?" "Hm", sagt Jörg. Und das sagt alles. Die schöne Brünette ist aufgestanden. Sie sieht in meine Richtung, kommt auf mich zu. Und geht an mir vorbei. Spricht einen der Jungs an, die hinter mir sitzen. Also wirklich! Der Knabe ist vielleicht gerade 25. Was ist das? Das ist nicht fair! Andererseits: Wer kann es den Frauen verdenken, dass sie nicht länger auf Männer unseres Alters warten (die ihre Zeit sporadisch mit Lolitas vergeuden), sondern das Spiel einfach umkehren. Männer, sagt bloß nicht, ich hätte euch niemals gewarnt!


Quelle: elle.de/liebepsycho/ratgeber