Oswalt Kolle über die Entdeckung der Sexualität

Oswalt Kolle: ein Leben für die Liebe
"Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."Es klingt unglaublich und ist doch wahr: in den prüden 50er Jahren war dieses Postulat ein eisernes Gebot. Diktiert von Vater Staat und tief implementiert in den Köpfen einer ganzen Generation. Selbstbefriedigung führe zu Hirnschäden und Rückenmarkschwund, warnte man damals hinter vorgehaltener Hand. Frauen würden davon frigide und untauglich für die Ehe, wusste noch 1968 die BRAVO. Und gerade Männer sollten sich hüten, denn nach "1000 Schuss" sei schließlich "Schluss"!
Verstaubte Moralvorstellungen, prüde Zwänge und Biedersinn. Möglicherweise hätten wir noch heute damit zu kämpfen – wäre Oswalt Kolle nicht gewesen. Innerhalb von wenigen Jahren schaffte es der Publizist und Filmproduzent, die moral-politische Denkrichtung unserer Nation umzustoßen. Oswalt Kolle forcierte den Anstoß zur sexuellen Revolution. Wie hat er diese Welle ins Rollen gebracht?
Eine Vision entflammt
Mit dem Thema, das sein Leben bestimmen sollte, kam Oswalt Kolle früh in Kontakt. Geboren am 2. Oktober 1928 als Sohn eines renommierten Psychologie-Professors, wuchs er in einem für seine Zeit außergewöhnlich liberalen Elternhaus auf. Der natürliche Umgang mit seinem homosexuellen Onkel prägte ihn ebenso wie die psychiatrische Praxis seines Vaters.Der Arztberuf selbst kam für Oswalt Kolle jedoch niemals in Frage. Seine Leidenschaft galt dem Schreiben. Und so holte er nach dem Abschluss einer landwirtschaftlichen Lehre sein Abitur nach. 1949 wechselte er als Redaktionsvolontär der "Frankfurter Neuen Presse" in die journalistische Laufbahn, wo für ihn eine einmalige Erfolgskarriere begann.
Sein journalistisches Interesse an dem Thema Liebe und Sexualität erwachte im Jahr 1948. Für seinen Vater übersetzte Oswalt Kolle Auszüge der kontroversen Aufklärungsbücher von Dr. Alfred Kinsey. Auf der Grundlage von zehntausend Interviews hatte der amerikanische Sexualforscher und Zoologe die Sexualität des Menschen erstmals wissenschaftlich analysiert.
Bei der Auseinandersetzung mit seinen Erkenntnissen erlebte Kolle den sogenannten "Kinsey"-Effekt: er entdeckte, dass er mit seiner eigenen bisexuellen Neigung und seinen sexuellen Phantasien nicht alleine war. Diese Erfahrung war der Auslöser für seine Vision: sexuelle Freiheit. Oswalt Kolle verspürte den großen Drang aufzuklären, um die Bürger von ihrer verklemmten und zwanghaften Sexualität zu befreien. Er begann zu schreiben – und sagte einer rigiden Sexualmoral den Kampf an.
Quelle: www.prosieben.de/lifestyle_magazine/sexreport_2008