Interview mit Friedhelm Schwiderski

Aktuelle Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte aller Männer und Frauen ihren Partner schon einmal untreu geworden sind. Ein Seitensprung geschieht selten "einfach so" und bedeutet meistens das Ende der Beziehung. Wenn die Partner es jedoch schaffen, ihr Zusammenleben nach einem Treuebruch gemeinsam neu zu überdenken, kann er aber auch die Chance zu einem Neuanfang sein! Paartherapeut Friedhelm Schwiderski über Gründe und Auswirkungen eines Seitensprungs.

Friedhelm Schwiderski ist Paar- und Psychotherapeut, Initiator und 1. Vorsitzender des Arbeitskreises Paar- und Psychotherapie e.V. Sein Spezialthema: Krisenintervention bei Seitensprung und seinen Folgen.





Stimmt es, dass immer mehr Frauen und Männer fremdgehen ?

Friedhelm Schwiderski : Aktuelle Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte aller Männer und Frauen schon einmal einen Seitensprung gewagt haben. Diese Zahl wird auch insofern der Realität nahe kommen, als Frauen immer eigenständiger und aktiver geworden sind im Umgang mit der eigenen Lust und Wünschen. Auch geht man heute offener mit diesem Thema um.

Wie erklären Sie sich diese steigende « Lust am Seitensprung » ?

Zum einen hat die Bereitschaft zugenommen, offensiv mit den eigenen Wünschen umzugehen und nicht bei dem stehenzubleiben, was es innerhalb der bestehenden Partnerschaft an Möglichkeiten gibt. Früher waren beide Seiten genügsamer und haben sich auch mit Vielem abgefunden, das im Miteinander mit dem Partner nicht realisierbar war. Heute gestehen sich immer mehr Paare ein, dass es gar nicht möglich ist, sich in einer Beziehung alles geben zu können – und das aus allen Feldern des menschlichen Lebens. Es ist selbstverständlicher geworden, dass Frau und Mann neben der Partnerschaft freundschaftliche Beziehungen zu Männern und auch Frauen pflegen und mit denen dann auch andere Seiten des Lebens leben können. Das können auch ganz profane Dinge sein : Wenn der Partner keine Lust auf Sport hat oder keine Lust zu tanzen, dann sucht sich die Frau eben einen anderen Partner für diese Hobbies.


Würden Sie in dieser Tatsache auch den Ursprung des Seitensprungs sehen ?

Die Gründe für einen Seitensprung kann man sich auf verschiedenen Ebenen ansehen. Bei einem Seitensprung können natürlich sexuelle, erotische Aspekte im Vordergrund stehen, aber es kann auch sein, dass das gar nicht das treibende Thema ist, sondern dass es mehr um emotionale Intensität geht, darum, sich wieder verstanden und gewürdigt zu fühlen, sowohl für den Mann als auch für die Frau, eine neue Bestätigung zu finden für die eigene Attraktivität.

Bei einem Seitensprung – vor allem wenn es um eine langjährige Partnerschaft geht – kann man auf der unbewussten, der innerpsychischen Ebene davon ausgehen, dass beide Partner miteinander schon über längere Zeit deutliche Defizite erlebt, mehr oder weniger wahrgenommen und wahrscheinlich auch darüber gesprochen haben. Es kann aber auch sein, dass vieles eher totgeschwiegen wurde und dass so ein Seitensprung dann für die bestehende Partnerschaft die Funktion hat, wachzurütteln, deutlich zu machen, dass die Beziehung an einem sehr kritischen Punkt angekommen ist, dass ganz neu bilanziert werden muss : « Wohin ist die Reise bis jetzt gegangen und wohin soll sie weiter gehen ? » Dass soll nicht heißen, dass das unbedingt bewusst so gedacht war, aber von der unbewussten Steuerung her kann man häufig sogar davon ausgehen, dass das Paar im Vorfelde bereits darüber verhandelt hat, wer von beiden denn nun diesen Seitensprung vollziehen sollte.

Gibt es das verflixte « siebte Jahr », einen Zeitpunkt, zu dem es eher zu einem Seitensprung kommt als zu anderen ?

Es gibt ganz verschiedene Ansätze, diese kritischen Zeitpunkte zu erklären. Einig sind sich die meisten Fachleute darin, dass es kritische Momente immer dann gibt, wenn sich eine Partnerschaft in einer Übergangssituation zwischen zwei Entwicklungsphase befindet. Eine solche Übergangsphase ergibt sich in einer Partnerschaft z.B., wenn nach einem halben oder einem Jahr die Phase der anfängliche Verliebtheit aufhört und die Alltagsrealität beginnt. Dieser Übergang kann mit dem Entschluss einhergehen, eine gemeinsame Wohnung zu nehmen, mit dem Verzicht eines Partners auf seinen bisherigen Arbeisplatz, einem Wohnortwechsel. In so einer Übergangssituation haben beide auf einmal mit ganz unterschiedlichen Themen zu tun und es kann leicht dazu kommen, dass einer von beiden oder beide sich danach fragen, was denn eigentlich die Substanz der gemeinsamen Verbindung miteinander ist.
Eine nächste wichtige Übergangsphase ist die Phase der Familienplanung : « Wollen wir das wirklich beide, sehen wir uns in der Lage dazu, eine so weitreichende Verantwortung und Verpflichtung zu übernemen ? ». Wenn es bezüglich dieser Fragen jetzt keine klare Übereinkunft gibt, kann es passieren, dass das Kind zur Welt kommt und der Mann plötzlich das Weite sucht, weil er sich überfordert fühlt oder plötzlich merkt, dass er die Entscheidung nicht bewusst mitgetroffen hat. Eine nächste wichtige Übergangsphase kann sich ergeben, wenn die Kinder aus dem Haus sind, es darum geht, dass die Partner sich neu auf ein Leben zu zweit besinnen.

Ein Seitensprung passiert also selten « einfach so »?

Ja, man kann mit Sicherheit sagen, dass ein Seitensprung nicht passiert, ohne dass irgendwas in der Partnerschaft das vorbereitet hat. Wenn beide zufrieden und glücklich miteinander sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Seitensprung kommt, äußerst gering.

Seitensprünge gibt es auch im Tierreich. Sind wir zur Monogamie überhaupt fähig, und das über eine lange Zeit ?

Ich würde eher sagen, dass es schwierig ist, über eine lange Zeit so harmonisch miteinander verbunden zu bleiben, dass keine anderen Wünsche aufkommen. Dass ist besonders schwierig im Zuge von persönlichen Entwicklungen, wo jeder für sich durch ganz unterschiedliche emotionale Stadien geht. In solchen Phasen ist es kaum zu verhindern, dass beide miteinander in Konflikte geraten, weil irgendwelche Verhaltensweisen des einen den anderen plötzlich stören oder er sich verschiedene Dinge unkomplizierter gedacht hat. Die Ordnung kann im Laufe einer Partnerschaft z.B. zu einem ganz wichtigen Thema werden, wenn die Partner hier unterschiedliche Vorstellungen haben

Ich glaube nicht, dass es unbedingt unsere biologische Seite ist, die auf einen Seitensprung drängt. Es sind eher die inneren Gründe, die Frage, wie ein Paar das schaffen kann, so in einer stimmigen Verbindung, in einer erfüllenden Verbindung miteinander zu leben, dass da keine wesentlichen Wünsche offen bleiben.

Warum ist ein Seitensprung für die meisten Beziehungen so schlimm?

Das ist deswegen so schlimm, weil es in den meisten Beziehungen die klare innere oder auch ausgesprochene Vorstellung gibt « wenn einer von uns beiden fremd gehen sollte, ist die Beziehung zu Ende, dann gibt es keine Möglichkeit, das miteinander gut zu überstehen und zu überleben ».
Dass heißt, es sind in der Regel Vorstellungen da, die ein Weiterleben miteinander in der Partnerschaft nicht möglich machen.
Wenn es wirklich zum Seitensprung gekommen ist, revidiert allerdings meistens der Partner, der sich als der Betrogene fühlt, seine Position und überprüft noch einmal, was er wirklich möchte. Möchte er die Beziehung aufgeben oder ist er bereit, für sie kämpfen, sich mit der Beziehung und den Gefühlen von Schmerz, Verlust, Vertrauensbruch auseinanderzusetzen und mit dem anderen noch einmal nach einer anderen Ebene zu suchen. Vorausgesetzt natürlich, der andere hat auch diesen Willen und diese Motivation.

Als äußerer Anstoß, die Beziehung noch einmal zu überdenken, verstehen Sie den Seitensprung also durchaus als eine Chance ?

Ja, ein Seitensprung kann in diesem Sinne durchaus eine Chance sein. Es kann aber auch sein, z.B. wenn die Beziehung schon über sehr lange Zeit sehr belastet war und beide immer mehr resigniert hatten, dass dann so ein Seitensprung auch der Versuch sein kann, endlich eine Ablösung voneinander zu finden, die ohne einen Seitensprung schwer geworden wäre.
Es ist zu beobachten, dass Paare, wenn sie über viele Jahre miteinander gelebt haben, sich in viele Konflikte verstricken können, aber es dann schwer haben sich wirklich voneinander zu trennen, dass es da ein dauerndes Hin und Her geben kann, man nicht mehr miteinanderleben will, eine Trennung aber nicht wagt. In solchen Fällen entsteht dann häufig eine Situation von Hassliebe, die natürlich für beide Seiten sehr unbefriedigend und frustrierend ist. In so einer Situation kann dann ein Seitensprung für beide Partner die Möglichkeit sein, diese Trennung endlich zu vollziehen, sie auch als klare Entscheidung zu formulieren.

Warum sind Beziehungen nach Jahren häufig so festgefahren, was macht einen Neuanfang oder Ausbruch häufig so schwierig ?

In einer Liebes-Beziehung lernen beide sich in einer intensiveren Weise kennen als das bei Freundschaften der Fall ist. Bei Freundschaften gibt es immer bestimmte Ebenen des Kontaktes, andere sind ausgeschlossen, z.B. die Ebene der Sexualität, die Ebene des wirtschaftlichen Miteinanderlebens oder andere innere Themen. In der Partnerschaft kommen diese Ebenen alle
zusammen. Hinzu kommt noch der ganz wesentliche Faktor, dass beide Partner mit ihren unbewussten Themen ganz dicht beieinander sind : Jeder bringt seine bisherige Familiengeschichte, seine Verletzungenaus der Vergangenheit mit und beide Partner treffen nun mit diesen Themen aufeinander.

Wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben, kann man davon ausgehen, dass da nicht nur die Faszination aneinander da ist, sondern es unbewusst auch darum geht, diese kritischen unbewussten Themen zu verarbeiten. Hier kann es z.B. um Ablösung von Vater und Mutter gehen, um erlebten Missbrauch, um verschiedene Themen aus der Vergangeheit. Zwischen den Partnern entwickelt sich ein unbewusstes Bündnis mit der Hoffnung, es miteinander zu schaffen, diese kritischen Themen im Laufe des Zusammenlebens zu bewältigen, sich gegenseitig eine gute Unterstützung dafür zu geben. Wenn das aber dann nicht gelingt, kann es dazu kommen, dass jeder dem anderen das übel nimmt, und sich die Überzeugung einschleicht, der Partner stünde dem eigenen Glück im Wege, das Gefühl, sich aufgrund des Partners im Leben nicht mehr so frei bewegen zu können, wie man das gerne möchte.

Sie haben langjährige Erfahrung als Paartherapeut. Welche besonderen Ansatzpunkte ergeben sich bei einer Therapie aufgrund eines Seitensprungs ?

Wenn ein Paar nach einem Seitensprung in eine Paartherapie kommt, haben die beiden Partner bereits einen wesentlichen Schritt zur Klärung getan, indem sie sich überhaupt gemeinsam darauf verständigt haben, in eine Paartherapie zu gehen. Dann geht es darum, sich miteinander anzusehen, was in der gemeinsamen Vergangenheit diesen Seitensprung begünstigt hat und wie beide Partner gemeinsam daran gearbeitet haben, dass es überhaupt zu so einer kritischen Situation gekommen ist.

Hier kann bereits deutlich werden, welche Defizitthemen es in der Vergangeheit gegeben hat. Meistens zeigt sich, dass beide in den vergangenen Jahren immer weniger Zeit und Energie für Gespräche miteinander, für Freizeitgestaltung miteinander eingesetzt haben, sich vielleicht auch im erotischen, im sexuellen weiter voneinander zurückgezogen haben. Oder es liegen Missverständnisse in der Vergangenheit vor, die nicht aufgeklärt werden konnten und sich immer mehr gebündelt haben. Wenn Kinder da sind, geht es häufig um Spannungen in Erziehungsfragen oder beide sehen im Rückblick, dass die Beziehung seit der Geburt der Kinder immer schwieriger geworden ist : Der Mann fühlt sich vernachlässigt, hat den Eindruck, die Frau kümmert sich nur noch um die Kinder und gar nicht mehr um ihn, umgekehrt kann die Frau den Eindruck haben, dass sich der Partner gar nicht mehr richtig einbringt, sie mit den Verpflichtungen allein lässt.

Dann geht es darum, Punkt für Punkt zu überprüfen, wie man diese alten Belastungen und Vorwürfe wieder loslassen kann und zu einer neuen Verständigung kommen kann. Zu diesem Prozess gehört viel Offenheit hinzu, der Mut sich kritisch auseinanderzusetzen mit der Frage was jeder an Konflikten in die Partnerschaft eingebracht hat, durch sein eigenes Tun oder auch Nicht-Tun.
Wenn beide bereit sind, durch so einen Prozess hindurchzugehen, dann kann das Ergebnis sein, dass sie hintereinander gemeinsam eine Ebene erreichen, die qualitativ besser ist, als alles was vorher da war, beide nicht mehr zurück wollen vor die Zeit des Seitensprungs.

Quelle: arte.tv/de/geschichte-gesellschaft